Swiss Section
11.–11.03.2012
in Frutigen,
Der neue Rolls-Royce Ghost misst stolze 5,40 Meter. Die Front ziert ein bulliger Grill mit säulenartigen Längsstreben und der traditionellen «Spirit of Ecstasy»-Kühlerfigur, das Seitenprofil ist schnörkellos und lang gestreckt; im Heck befindet sich ein grosser Kofferraum. Die klassischen Rolls-Royce-Proportionen sind alle vorhanden und schön.
Der lange Radstand und die Motorhaube, der kurze Überhang vorne und der lange Überhang am Heck, typisch Rolls-Royce. Der Einstieg in den Fond erfolgt wie beim Phantom durch gegen die Fahrtrichtung zu öffnende Türen. Im fünfsitzigen Innenraum dominiert edles Holz und Leder. Trotz der kompakteren Bauweise handelt es sich um eine Super-Luxuslimousine mit üppigem Platzangebot. Und auch wenn der Kühler deutlich kleiner ausfällt, ist der Ghost sofort als ein Rolls-Royce erkennbar. Dafür sorgt schon die «Spirit of Ecstasy», diese wunderbare, geflügelte Kühlerfigur. «Rolls-Royce-like» sind auch die hohe Gürtellinie und die etwas erhöhte Haltung des Fahrers hinter dem Lenkrad, in der man das Auto zumindest nach vorn gut überblickt.
Mathias Hascher von Schmohl AG / Rolls-Royce Zürich überliess mir in verdankenswerter Weise am 7. Mai 2010 einen optional voll ausgerüsteten Wagen für vier Tage. Nachdem er mir einige Neuerungen, Optionen und allgemeine Eigenschaften kurz erklärt hatte, ging ich zuerst vorsichtig «zu Werk». Man muss sich ja immer erst an ein neues Auto gewöhnen. Bald aber war es soweit; das Auto «lag mir sehr gut in der Hand».
Mit einem neu entwickelten Zwölfzylinder-Turbobenziner mit einer Leistung von 570 PS kam das neue Einstiegsmodell von Rolls-Royce zügig in Fahrt. Das V12 6,6-Liter-Triebwerk beschleunigt den Ghost sauber. Er soll es in 4,9 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 bringen, was ich natürlich nicht ausprobierte. Rund 13,6 Liter Superbenzin konsumiert das Luxusgefährt auf 100 Kilometer. Die Höchstgeschwindigkeit ist elektronisch auf 250 km/h begrenzt. Die neue Achtgang-Automatik übernimmt die Kraftübertragung. 540 cm misst der neue Luxusliner in der Länge, 195 cm in der Breite und 155 cm in der Höhe. Ein eher bescheidener Auftritt; für einen Rolls-Royce ist der neue Ghost, fast klein – zumindest, wenn man ihn mit dem Fullsize-Phantom vergleicht. Absolut gesehen, sind alle Abmessungen immer noch gross dimensioniert. Trotzdem ist der Ghost fast schon ein normales Auto, wirkt jedoch – nicht nur für mich – sehr attraktiv und verfügt über aussergewöhnliche Neuerungen. Die Eleganz dieses Ghost ist schlichtweg gelungen, würde ich sagen. Er besticht durch seine Proportionen – keine Schnörkel, kein Schnickschnack, alles ist von erhabener Gestalt. Sicher, sein Stallgefährte, der 5,84 Meter lange Phantom, stellt ihn in den Schatten. «Ist der Ghost noch ein echter Rolls-Royce?», fragten meine Bekannten. «Ganz gewiss!», meinte ich. Bestaunen wir zunächst den luxuriösen Fond: Die Türen öffnen wie beim Phantom nach hinten – das macht den Vorgang nicht leichter, aber feierlicher als bei einem herkömmlichen Viertürer. Die Portale sind etwas weniger üppig bemessen, während die Polster etwas tiefer liegen als im Phantom. «Sehr luxuriös, aber diskret, unaufdringlich», kommentierten meine Freunde die Einrichtung und den Fahrkomfort. Und der ist wirklich gemütlich: Die Lehne der rückwärtigen «Chaiselongue» reicht bis in die Seitenwand und lädt zum Räkeln ein. Platz ist reichlich vorhanden, am Boden liegen fl auschige Lammfellteppiche. Dazu gehört das einschlägige Ambiente: Chrom, feinstes Leder und poliertes Holz. Dieser Verwöhnkomfort im Ghost hat eindeutig Rolls-Royce-Niveau, keine Frage. Und wer die erhabene Fahrerposition in den Rolls-Royce-Klassikern kennt, vor sich die von der fliegenden Lady gekrönte Haube, den reisst der Ausblick auch hier vom Hocker. Aus der Driver-Position geht der Blick entlang der nach vorne abfallenden Silver Satin-Motorhaube, vorbei an der Spirit of Ecstasy auf die Strasse, ein ausserordentlich erhabenes Gefühl. Nur im heftigsten Gewitter bescherte die abfallende Haube der Frontscheibe zusätzliche Gischt.
Die Fahreigenschaften auf der ersten kleinen Reise von Mörschwil über sehr kurvenreiche und teilweise enge und steile Strassen nach Rehetobel und dann noch hoch zum «Gupf» begeisterten mich vollends. Der Wagen ist fein und handlich zu fahren, gibt in jeder Situation ein gutes Gefühl. Lautlos zieht er ab, fingerleicht und – für ein Auto dieser Grösse – ungewohnt präzise lässt er sich dirigieren. Auch vor engen Kurven muss man am griffig geformten Steuer des Ghost keine Sorgen haben. Das Auto lässt sich prima lenken. Auf Überlandstrassen und in der Stadt ist es ebenso leicht, ruhig, elegant und zügig zu fahren. Darf aber ausserorts einmal «der Geist aus der Flasche», kann von «normal» nicht mehr die Rede sein. «Wow», denke ich, als ich aufs Gaspedal trete. Doch trotz seinen 780 Newtonmetern Drehmoment beschleunigt der Ghost beim ersten Versuch keineswegs wie ein Sportwagen – bis mein Auge auf die «Power Reserve Control» im Armaturenbrett fällt: Nach der Anzeige ist die Leistung des Motors noch nicht einmal zu 50 Prozent ausgeschöpft. Dann aber scheint sich der 2,4-Tonnen-Luxusliner den Gesetzen der Massenträgheit zu entziehen: Enorme Kräfte drücken mich in den Sessel, vehement saugt sich der Ghost vorwärts, aber völlig leise, nur begleitet vom entfernten feinen Rauschen der riesigen Räder.
Kaum zu glauben, dass nur wenig weiter vor dem Fahrersitz zwölf Zylinder arbeiten und acht Gänge gewechselt werden. Zu dieser Leistungsentfaltung passt die Luftfederung, welche die Unvollkommenheiten der Strassen fein und klassisch auffängt. Der Neue jagt behende über die kurvenreichen Landstrassen, kein Stampfen, kein Wanken ist zu bemerken. Man muss nur zielen, und der handliche Ghost folgte fast lautlos und unverzüglich den Anweisungen des Lenkers. Ganz ohne Hektik übrigens: Das ist Dynamik auf Rolls-Royce-Art, aber was dürfen wir denn sonst von einem echten Ghost erwarten? Ausserordentlich gefallen haben mir nebst dem den Innenraum aufhellenden Glasschiebedach mit der Abdeckmöglichkeit die schönen Rundinstrumente und ganz besonders die digitalen Anzeigen in der Windschutzscheibe (Head-up-Display). Damit hat man die wichtigen Informationen stets im Blickfeld, was eine ruhige und sichere Fahrt ermöglicht. Kultiviertes Fahren ist dabei im Bereich von 80 bis 90 Prozent der Kraftreserve möglich. Nur die Borduhr störte mein ästhetisches Empfinden etwas. Ein Rolls-Royce war früher ein Auto, dessen Erbauer sich nur mässig für den technischen Fortschritt zu interessieren schienen. Der Ghost ist voll auf der Höhe der Zeit – einzig die altmodischen Zugschalter an den Lüfterdüsen enttäuschen ein wenig. Ob Abstandsradar, Nachtsichtsystem, Rückfahrtkamera, aktive Rollstabilisierung, Traktionskontrolle, Navigationssystem oder iPhone-Adapter – der Fahrer muss keine dieser hilfreichen Installationen missen. Dieser neue Rolls-Royce ist ein perfektes Alltagsauto mit dem Anspruch, «Normalität» auf grosszügige Art zu vergolden. Wunderbar weiches Leder, Edelhölzer und silberne Zierteile gibt es überall reichlich zu bestaunen, wenngleich längst nicht mehr alles Silber ist, was glänzt. Teil - weise blickt man auf galvanisierte Plastikteile. Und beim Zuziehen der schweren Türen greifen die Finger in eine schwarze Hartplastikmulde. Da drückt man auf der Fondbank lieber auf den Taster, um die schweren, hinten angeschlagenen Türen elektrisch zu schliessen.