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100 Jahre Rolls-Royce Silver Ghost

Kapitel:

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  • 1906-1908 in Manchester, 1908-1925 in Derby, 1921-1926 in Springfeld USA
  • Rolls-Royce USA
  • Rolls-Royce im Kriegseinsatz

von Walter Steinemann, Vorstandsmitglied RREC

1906-1908 in Manchester, 1908-1925 in Derby, 1921-1926 in Springfeld USA

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Die Geschichte des Silver Ghost ist die Geschichte von Rolls-Royce. 7876 Wagen dieses Typs wurden hergestellt, wovon 1703 in den USA.

Der 40/50 HP mit seinen perfekten Eigenschaften war ein überaus gelungener Wurf und dasjenige Modell, welches den Namen Rolls-Royce mit bestem Ruf und als festen Begriff in der Automobilszene verankerte. Mit diesem Fahrzeug erreichten der penible Konstrukteur Fredericlc Henry Royce und der draufgängerische Sportler und Verkaufsmann Charles Stuart Rolls den Nimbus des luxuriösen Qualitätswagens, des besten Wagens der Welt.

Im November 1906 wurde an der Olympia-Motor-Show in London das neue Modell des Rolls-Royce 40/50 HP vorgestellt. Frederick Henry Royce selbst hielt diesen für das beste Fahrzeug der Welt. Dieses Meisterwerk, von dem ein Journalist sagte, es sei das edelste Auto der Welt, sollte der berühmteste aller Rolls-Royces werden. Er bekräftigte den guten Ruf des Unternehmens für ausserordentliche Technik, die von anderen Herstellern nicht erreicht wurde. Der Motor unter der Haube könnte ebensogut eine geräuschlose Nähmaschine sein, meinte ein Fachjournal damals. Man spüre das Fahrzeug nicht; der Fahrgast, der vorne oder hinten im Wagen sitze, habe das Gefühl, durch die Landschaft zu schweben.

Geräuschlosigkeit, Zuverlässigkeit und Qualität beeindrucken, konnte man dem Fachjournal weiter entnehmen. Kurz nachdem ein 40/50 HP im Rahmen der schottischen Zuverlässigkeitsfahrt 2'000 Meilen (3218 km) zurückgelegt hatte, fuhr dieser Wagen über 23'000 km ohne eine einzige unfreiwillige Unterbrechung weiter. Das Jahr 1913 sah einen weiteren Erfolg, als sich vier Silver Ghost-Fahrzeuge an den Österreichischen Bergfahrten beteiligten und sich dabei alle zu gewinnenden Preise holten. Die Wagen waren - auf Grund von schlechten Erfahrungen im Vorjahr - speziell getrimmt auf Leistung in grosser Höhe. Das Vierganggetriebe war neu mit einem ersten Gang ausgerüstet, dessen Übersetzung nun auch das Erklimmen steilster Steigungen erlaubte. Auch im folgenden Jahr blieb ein 40/50 HP strafpunktfrei. Hinzu kamen weitere Siege auf den europäischen Rennbahnen, welche den Namen Rolls-Royce nicht nur in Automobilkreisen sehr bekannt machten.

Der Name Silver Ghost war ein Geniestreich von C.G. Johnson, der als Manager für die Firma tätig war. Er nahm das dreizehnte Fahrgestell das aus der Fabrik kam und liess darauf eine 4/5-plätzige Karosserie bauen, die mit Aluminiumlack gespritzt und mit versilberten Lampen und Beschlägen verziert wurde. Ein hübsches versilbertes Messingschildchen, aussen am Wagen montiert, trägt den Namen „The Silver Ghost". Er nannte ihn „Silver" aus offensichtlichen Gründen und Gespenst/Geist wegen der aussergewöhnlichen Geräuschlosigkeit.
Eigentlich zu Unrecht werden alle Rolls-Royce 40/50 HP „Silver Ghost" genannt.
Es gibt nur einen einzigen Silver Ghost, nämlich jenen mit der Chassis Nr. 60551 und dem Kennzeichen AX 201, Baujahr 1907.

Er ist heute im Besitz von Rolls-Royce Motors. Sein Meilenzähler zeigt 920'000 miles, ist in perfektem Betriebszustand und fährt auch heute noch. Er ist der aussergewöhnlichste und kostspieligste Wagen, den Rolls-Royce gebaut hatte.
Als Antriebsquelle schuf Chefingenieur Royce für den Silver Ghost einen Sechszylinder-Reihenmotor mit über sieben Litern Hubraum. Um die Baulänge kurz zu halten und damit die Gefahr mögliche Verwindungen der Kurbelwelle zu minimieren, hatte er zwei Zylinderblöcke zu je drei Zylindern auf ein gemeinsames Kurbelgehäuse gesetzt. Eine Druckumlaufschmierung gewährleistete eine ausreichende Ölversorgung selbst unter Betriebsbedingungen, wie sie etwa bei nachlässigen Chauffeuren in entlegenen Kolonien vorkommen mochten. Die Kraftquelle war so dimensioniert, dass ausreichend Leistung zur Verfügung stand, ohne eine Komponente bis ans Limit auszureizen. Alles am Motor war auf absolute Zuverlässigkeit und Langlebigkeit ausgelegt. Oben liegende Einlassventile und seitlich am Block stehende Auslassventile sicherten Platz für grosszügig dimensionierte Kühlwasserführungen. Der Motor wurde in einem eigenen Hilfsrahmen platziert, damit Vibrationen nicht unmittelbar übertragen werden können. Die Verarbeitung setzte auf Qualität ohne Rücksicht auf Kosten. Im Werk wurde eine Maxime von Frederick Henry Royce wie ein Bibelzitat beachtet : „ The quality remains long after the price is forgotten! " (Die Qualität bleibt, wenn der Preis schon lange vergessen ist.) Jeder Zylinder wurde mit zwei Zündkerzen bestückt, denn die Zündanlage synchronisierte die Funken von Zündspule und Zündmagnet.

Ende 1909 wurde der Hub des Motors auf 120.2 mm verlängert, wodurch der Hubraum auf 7428 ccm anstieg und eine Leistung von etwa 48 HP erreichte. Fast im gleichen Zug wurde das 4-Gang-Overdrive-Getriebe durch ein 3-Gang-Getriebe ersetzt. Diese Lösung erhöhte zusätzlich die Beschleunigung, da der Gangwechsel reduziert wurde. Dieser Vorteil machte sich vor allem auch wegen des Fehlens einer Synchronisation bemerkbar. 1911 wurden weitere Veränderungen zu Gunsten der Elastizität gemacht. Das überarbeitete Modell bewies die Verbesserungen bei der Fahrt London-Edinburgh, weil damit der ganze Weg nur im dritten Gang und einem Treibstoffverbrauch von 8,6 km/lt erfolgreich zurückgelegt werden konnte. Dieser Silver Ghost erreichte auf dem Kurs von Brooklands 126 km/h. Aus diesem Exempar wurde das Serienmodell „London-Edinburgh" entwickelt, welches unter Sammlern heute eines der beliebtesten Ghost-Modelle ist. 1913/14 wurde der 40/50 HP wieder mit einem 4-Gang-Getriebe ausgestattet. Gekuppelt wurde mit einer Lederkonus-Kupplung. Ab 1913 wurden die Holzspeichenräder meistens durch solche mit Drahtspeichen ersetzt, welche schon vorher geordert werden konnten.
Bei genauer Betrachtung zeigt der Silver Ghost weder hervorragende Leistungsdaten, noch signifikante Innovationen. Stattdessen präsentierte sich in der technischen Auslegung ein unaufgeregt solides Automobil. Das Chassis bildete ein konventioneller aber verstärkter Leiterrahmen und wurde mit Hinterradaufhängungen durch Cantilerer-Federn versehen. Die Rahmenteile wurden mittels speziell geformter Bolzen verschraubt. Diese, die in entsprechend bearbeiteten Öffnungen im Rahmen eingesetzt wurden, gaben einen ersten Hinweis auf die Umsicht, die man jedem Detail an diesem Automobil gewidmet hatte. Konisch geschliffen, bewirkten sie eine bessere Passung als Schrauben, zudem waren sie weniger anfällig gegen Lösen durch Vibrationen. Das Chassis war sorgfältig versteift, um hohe Dauerbeanspruchung klaglos zu ertragen. Starre Achsen vorne und hinten sowie Bremsen nur an den Hinterrädern entsprachen dem Stand der Technik. Ein weiterer Beweis für den Perfektionismus von Royce war der Einbau eines Zahnradausgleichsgetriebes anstelle des damals üblichen Hebelsystems, um damit den Bremsausgleich vornehmen zu können. Anfänglich waren die 40/50 HP mit Trommelbremsen an den Hinterrädern ausgerüstet, die auf Zug am aussenliegenden Handbremshebel einsetzten und um eine Bremse ergänzt waren, die über ein Pedal auf die Kardanwelle wirkt. Mit je zwei Bremsen in einer Trommel der Hinterräder wurde vor dem ersten Weltkrieg eine Anlage mit vier Bremsen eingebaut. Obwohl die Silver Ghost-Modelle der Nachkriegszeit beachtliche Neuerungen aufwiesen (Beleuchtungs-System, elektrischer Anlasser, Aluminium-Kolben und Doppelzündung), wurden weiterhin nur Hinterradbremsen verwendet. Erst 1923 stellte das Werk eine Vierradbremse vor, welche als vorbildliche Lösung, einer Art Antiblockiersystem, dann serienmässig zum Einbau kam. Es bewährte sich überzeugend und erwies sich, entsprechend modifiziert, bis in die sechziger Jahre als tauglich.

Wenn es zu jener Zeit bereits den Begriff „Workaholic" gegeben hätte, er hätte exakt auf Konstrukteur Royce gepasst. Akribisch prüfte er jedes Detail seiner Schöpfung und wie besessen arbeitete er an schrittweisen Verbesserungen.
Mit Cleverness inszenierte Johnson Aktionen und trug damit dazu bei, dass Rolls-Royce schnell zum hervorragendsten Namen im Automobilbau wurde. Die durchdacht geplanten Aktivitäten und werbewirksamen Massnahmen bei Zuverlässigkeitsfahrten und anderen Wettbewerben zeigten Wirkung. Alles, was Rang und Namen hatte, entwickelte eine Schwäche für den 40/50 HP.
Am 19. Dezember 1924 wurde in England der letzte Auftrag für einen 40/50 HP Silver Ghost hereingenommen, die Chassis-Auslieferung erfolgte am 3. Juni 1925.

Rolls-Royce USA

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In Springfield wurde 1920 eine Produktionsstätte errichtet. Das machte Sinn, weil damit die horrend hohen Einfuhrzölle umgangen wurden und der grösste Automarkt der Welt gute Absatzchancen erwarten liess. Zunächst gab es auch in Amerika nur Fahrgestelle mit Antriebseinheit zu kaufen. Für die Karosserie folgte eine weitere Order, denn Rolls-Royce fertigte, wie andere europäische Produzenten auch, keine Aufbauten. Die US-Kunden aber waren gewohnt, ein fertiges Auto direkt aus dem Showroom mitzunehmen. Darum bot das US-Werk fortan komplette Automobile an, deren Karosserien als „Rolls-Royce Custom Coachwork" von ausgesuchten Karosseriebauern nach Vorgaben des Werks gefertigt wurden. Bis1926 erfolgte in Springfield die Lizenzproduktion des Silver Ghost. Ab 1924 erhielten diese typische amerikanische 6 Volt-Anlagen. Ab 1925 wurde Linkslenkung Standard und die Ghosts erhielten ab dieser Zeit in den USA ein Dreigang-Getriebe mit Mittelschalthebel, Doppelzündung mit 2 Zündspulen (anstatt Magnet und Zündspule). Total 114 Springfield Roadster (Silver Ghost und New Phantom) wurden in den USA gebaut.

Die letzten Silver Ghost made in USA wurden im Sommer 1926 gebaut.

Rolls-Royce im Kriegseinsatz

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Im Ersten Weltkrieg wurden die soliden Chassis der 40/50 HP für militärische Zwecke umgebaut. Als vier Tonnen schwerer Panzerwagen, ausgerüstet mit Doppelbereifung an den Hinterrädern, kam er an verschiedenen Fronten zum Einsatz. Etwa 320 Rolls Royce Silver Ghosts wurden zum Kriegsdienst eingezogen und als Sanitäts-, Ambulanz- und Nahrungsmittel-Transporter sowie für echte Kriegseinsätze eingesetzt. König Georg V. fuhr mit einem 40/50 HP an die Front, und der Zar von Russland besuchte darin die Verwundeten.

Der gepanzerte 40/50 HP mit der Doppelbereifung an den Hinterrädern war auf kaum befahrbaren Strassen und schlechtesten Bedingungen wegen seiner Fahrtüchtigkeit und Ausdauer unschlagbar. „Ein Ghost in der Wüste ist mehr wert als Edelsteine", schrieb Colonel T.E. Lawrence 1916, besser bekannt als „Lawrence of Arabia". Er zog mit gepanzerten 40/50 HP in den Wüsten-Krieg. Diese Rolls-Royces taten noch zu Beginn des neuerlichen Weltbrandes, 1939, Dienst. In Irland wurden die letzten Exemplare erst 1956 eingemottet.

Dass man mit diesen Luxuswagen auch gut durch den Winter kommt, bewies schon vor Jahrzehnten Wladimir Iljitsch Lenin, der Vater der russischen Revolution. Sogar durch den tiefsten Schnee reiste er standesgemäss in seinem, mit Raupen und Ketten, rutschfest gemachten Rolls-Royce. Mit der Sucht nach diesem englischen Wunderauto übertraf er sogar den Zaren Nikolaus II. Dieser besass nur drei Rolls, Lenin jedoch orderte mehrere davon. Eine wahrlich revolutionäre Tat.

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